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  KSB4 beobachtet - Schillerndes und Buntes rund um Datenschutz  
Der Hase und der Igel
14.11.2005-kb

Am letzten Oktobertag gerade noch geschafft, sich einen Reisepass zu beantragen - mit Passfoto im Halbprofil und gewinnendem Lächeln, ohne Hightech, und damit zum Glück - zum alten im Verhältnis zum neuen Pass - halben Preis! Da freut sich der sowieso schon deutlich geschmälerte Geldbeutel...
Jede Dienststelle, die die vieldiskutierten Biometrie-Reisepässe ausgibt - und das sind alle seit 1. November -, hält laut Aussagen der Bundesregierung auch ein Lesegerät zur Verfügung, damit der Bürger sich davon überzeugen kann, dass die auf dem integrierten Funkchip gespeicherten Informationen über ihn auch korrekt und vollständig sind. Verwirrt-ungläubiger Blick, als hinter dem Behördentresen die leise Auskunft hervorschallt, Lesegeräte seien noch nicht in Produktion. Vermutlich wäre nächstes Jahr aber wohl eines verfügbar.
Lächeln verboten, ebenso Profilaufnahmen. Sonst kann die Technik das Gesicht nicht "wiedererkennen". Das überrascht den technisch Verständnisvollen, denn wir können anhand einer winzigen Körperzelle einen Menschen eindeutig identifizieren, für die gespeichert Fotografie ist die digitale Abtastungstechnik jedoch nicht ausgereift genug, um die "Eckpunkte" eines menschlichen Gesichts zu erkennen?
Und dann bleibt da noch die Frage nach dem Sinn: Der Personalausweis mußte vor Jahren maschinenlesbar werden, doch wer hat es je erlebt, dass sein Ausweis bei einer spontanen Kontrolle tatsächlich maschinell ausgelesen wurde? Oder am Flughafen? Oder sonst wo? Warum also immensen Mehraufwand für die RFID-Reisepässe, wenn wir schon die Personalausweis-Techniken nicht nutzen? Und wo landen eigentlich all die Daten, die auf dem Chip gespeichert werden? Und wie ist der Zugriff auf diese Daten geregelt?
Elektronische Gesundheitskarte, EC-Karte, Jobcard, Führerscheinkarte, Telefonkarte, Zutrittskarte, Bonuskarte, Kreditkarte, Sozialversicherungsnummer, Reisepass - es ist wirklich nur noch eine kleine Frage der Zeit, bis das alles auf einem einzigen Chip landet. Das Wettrennen verspricht bis zum Schluss spannend zu bleiben: wer kommt eher an? Die Allmacht der unbesonnen eingesetzten unbegrenzten Möglichkeiten - oder die Vernunft?

Schöne neue Welt
07.11.2005-kb

Der gestreckte Galopp digitaler Medien, Kommunikationswege und Forschungserfolge macht es möglich: in immer mehr Bereichen wird das Vertrauen auf den Menschen auf die Maschine übertragen. Menschen - auch Fachleute - machen Fehler, Maschinen gelten noch immer vielfach als fehllos. Die Folge einer solchen Verlagerung: die intelligente Umwelt in Form des mitdenkenden Hauses, des mit seiner Vertragswerkstatt kommunizierenden Kraftfahrzeugs, der selbststeuernde Autopilot, der schlaraffenlandähnlich selbständig bestellende Kühlschrank. Dazu nonstop wachende Videokameras, hochauflösende Satelliten, aktive Identifikationspapiere und - als Herz und Ziel des breiten Datenstroms: die globale Datenbank, in der jeder geoinformationstechnisch erfasste Streifen Erde und Zivilisation zusammengefügt wird mit den Verkehrts- und Ortungsdaten aus den Kommunikationsmedien weltweit und den biometrischen, steuer- und behördenrelevanten Informationen über jeden Menschen auf diesem Planeten.
Verbrechen wird es künftig nicht mehr so viele geben, denn bereits im Kleinkindesalter sollen sich Behörden, Erziehungseinrichtungen und Familienfürsorge um möglicherweise "auffällige" Kinder gemeinsam bemühen. Klar, dass jeder jeden zu diesem Zweck bei geeigneter Stelle melden kann - auch, wenn es definitiv um eine subjektiv-selektive Wahrnehmung handelt, bei der persönliche Neigung und die Qualität der Kommunikation Betroffener untereinander die Hauptrolle spielen. Fingerabdrücke, Irisscan und bald weitere biometrische Merkmale als Bestandteil des Ausweises sind ein Teil, eine Gendatenbank, die aus "Spenden" jedes Neugeborenen seit zig Jahren geduldig und beharrlich aufgebaut wurde und wird, tragen flächendeckend zur präventiven Verbrechensbekämpfung bei. Hollywood läßt längst nicht mehr grüßen, sondern die Realität.
Was den Menschen - bisher, glaubt man den Philosophen - vom Tier unterscheidet, ist die Fähigkeit zu denken und sein Handeln nach seinen Schlussfolgerungen bewusst, also nicht allein triebhaft, zu steuern. Die beschriebenen Bilder sind bereits Alltag für uns alle, wann fangen wir an, uns nicht länger vom digitalen Hype dominieren zu lassen, sondern uns an unsere Stellung als Mensch zu erinnern und dem Menschen als solchen wieder menschenwürdige Freiräume zu schaffen und zu sichern? Verbraucherschützer und Bürgerrechtler bräuchten nicht mehr so hart um jedes bißchen Aufmerksamkeit kämpfen, und Unternehmen, Vereine, Verbände, Behörden und alle anderen Institutionen bräuchten nicht Mittel zum Schutz personenbezogener Daten und Betriebsinformationen ausgeben, wenn wir endlich aus dem Rausch der Evolutionsgeschwindigkeit erwachen würden...
     
 
 
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